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In einer Welt voller Zwietracht und Hass
Auf
dem Marktplatz von Brake herrschte das reinste Tohuwabohu. Aus allen
Himmelsrichtungen strömten Freiwillige der Marine heran. Dazwischen
standen zahlreiche Neugierige, die sich dieses Schauspiel nicht
entgehen lassen wollten. Auf dem Podium spielte eine Musikkapelle
der Marine schmissige Marschlieder wie ,,Das kann doch einen Seemann
nicht erschüttern“. Ich war trotzdem erschüttert.
Hätte ich jetzt einen Wunsch frei gehabt, hätte ich mich
in mein ruhiges, beschauliches Heimatstädtchen zurückgewünscht.
Doch das war nur ein frommer Wunsch.
Der leichte Luftzug, der von der nahen Weser herüberstrich,
wirkte wohltuend auf mein schweres Gemüt. Kaum hatte die Marinekapelle
ihren letzten Marsch geschmettert, ertönte über Lautsprecher
eine dunkle Kommandostimme: ,,Die neu angekommenen Rekruten formieren
sich. Ohne Tritt hinter dem Musikzug nachfolgen, Richtung Kaserne!“
Als
ich das Tor zur 12. Schiffstammabteilung durchschritt, überkam
mich ein sonderbares Schaudern. In Viererreihen marschierten wir,
Hunderte blutjunger Männer, mitten hinein in eine Welt voller
Zwietracht und Hass. Ich war mir im klaren, dass die nächsten
Wochen und Monate kein Zuckerschlecken würden. Bei der Infanterieausbildung
waren Härte, Schnelligkeit, Sauberkeit und bedingungsloser
Gehorsam oberstes Gebot. Nach einer harten, dreimonatigen Grundausbildung
sollte die Zuteilung zu den einzelnen Flottenverbänden erfolgen.
Voller Tatendrang und Leidenschaft, stürmisch wie das wogende
Meer, eilten die ausgebildeten Rekruten zu den Schlachtschiffen,
Zerstörern, Minensuchern, Kreuzern und U-Booten. Doch das war
für mich noch Zukunftsmusik. Bevor der Wastl und ich getrennt
wurden, flüsterte mir mein bayerischer Freund noch ins Ohr:
,,Jetzt sitzen wir in der Mausefalle. Nun gibt es kein Entrinnen
mehr. Bleibt nur zu hoffen, dass die Katzen nicht allzu grausam
sind zu uns armen Mäusen.“
Die Kaserne bestand aus mächtigen Gebäudeblöcken
in Backsteinbauweise. Jede Wohneinheit besaß eine feste Bezeichnung
wie Brandenburg, Großdeutschland, Scharnhorst, Gneisenau,
Hindenburg oder Hipper.
Es dauerte fast eine Stunde, bis alle Rekruten untergebracht waren.
Ein Bootsmaat hatte uns lauthals Zimmer, Spinde und Kojen zugewiesen.
Ich war im Wohnblock Hipper untergebracht, einem Neubau, in dem
peinlich genau auf Sauberkeit geachtet wurde. In kürzester
Zeit hatte ich meine wenigen Sachen im Spind verstaut. In unserer
Stube waren 14 Mann untergebracht, wobei die meisten Kameraden aus
Norddeutschland kamen. Nach einer ausgiebigen Pause wurden wir zu
einer Besprechung gerufen. Die Erläuterungen des Bootsmaats
verstand ich bestenfalls zur Hälfte. Sein nordfriesischer Dialekt
und seine schnelle Sprechweise machten es mir schwer, ihm zu folgen.
Eines hatte ich jedoch klar und deutlich mitbekommen: Ab morgen
sollte ein anderer Wind wehen. Mit dem müden Dahinschleichen,
wie der Bootsmaat spöttelte, werde es dann vorbei sein. Auch
die Einkleidung sowie der Empfang der Gewehre sollten morgen erfolgen;
dann wollte man uns auch zeigen, wo sich die Kombüsen, die
Schreibstube, der Speiseraum und das Wachlokal des diensthabenden
Offiziers befänden.
Ich
war heilfroh, als sich der erste Tag meines Soldatenlebens, es war
der 3. Juli 1940, seinem Ende zuneigte. Erschöpft und niedergeschlagen
ließ ich mich auf meine Bettstelle fallen. Noch nie in meinem
Leben hatte ich mich so elend gefühlt. Zu allem Unglück
war der Wastl aus München einer anderen Kompanie zugeteilt
worden und so konnten wir uns auch nicht mehr gegenseitig Mut machen.
Mit meinen Stuben- und Zugkameraden in Kontakt zu kommen war für
mich gar nicht so einfach, da sie alle entweder von der Waterkant
oder aus dem Rheinland kamen. Ihre Sprache war nicht die meine und
meine nicht die ihre. Das alles ging mir durch den Kopf, als ich
mich lange schlaflos in meiner Koje hin- und herwälzte.
Ein
schriller Pfiff schreckte mich jäh aus dem Schlaf. Über
der endlosen Ebene der Weserlandschaft war die aufgehende Sonne
als feuerrote Kugel zu sehen. Sie kündete einen heißen
Tag an. Nach dem dritten Pfiff glich das Kasernengebäude einem
aufgescheuchten Wespennest. Jeder schnellte aus seiner Koje hoch,
denn keiner wollte schon zu Beginn seiner Ausbildung unangenehm
auffallen. Hinzu kam, dass uns am Vorabend ein Obergefreiter die
verhängnisvollen Folgen eines solchen Vergehens in allen Einzelheiten
geschildert hatte. Zu allem Verdruss war ich an diesem ersten Morgen
bereits als Backschafter und Kaffeeholer eingeteilt. Das bedeutete
höchste Eile. Genau eine Stunde hatte ich Zeit, um für
meine Stubenkameraden das Frühstück zu holen, selber zu
frühstücken, mein Bett zu machen sowie Spind und Zimmer
zu reinigen. Punkt 7 Uhr war für alle neuen Rekruten ein Appell
angesetzt.
Mit Knickerbockerhose und rot-weiß-kariertem Hemd, in der
Hand eine große Kanne für den Kaffee, trabte ich durch
das Kasernengelände. Gestern hatte man uns flüchtig den
Standort der Kombüse beschrieben. Soviel ich mich erinnern
konnte, befand sie sich im Block Brandenburg. Einige Backschafter
sah ich bereits mit gefüllten Kannen des Weges kommen. Ich
marschierte in den Block Brandenburg, doch dort gab es weder eine
Kombüse noch Kaffee. Mein Atem stockte, mein Herz schlug wie
wild. Ich geriet in Panik. Ich konnte nicht mehr klar denken, denn
die Zeit drängte. Kopflos hastete ich durch die Kaserne. Dabei
hätte ich um ein Haar einen Hauptgefreiten umgerannt, der mir
dafür prompt eine Watsche geben wollte, doch meine Reflexe
waren zum Glück schneller. Sein Schlag wischte folgenlos durch
die Luft, da ich mich rechtzeitig gebückt hatte. ,,Sie Honigkuchenpferd!“
schrie der Hauptgefreite wütend, ,,sind wohl von allen guten
Geistern verlassen und pennen am helllichten Tag! Wohin wollen Sie
denn, Sie alter Dussel?“ ,,Herr Hauptgefreiter“, erwiderte
ich stotternd, ,,ich finde die Kaffeeküche, eh Kombüse
nicht.“
,,Sie werden mir ein Trottel sein. Peilen Sie hinüber zu diesem
Schornstein, da steht die Kombüse“, fauchte der eingebildete
Hauptgefreite. Ich rannte los, rannte wie um mein Leben. Endlich
stand ich in der Kombüse, vor mir zwei schwergewichtige Küchenbullen,
die mit verschränkten Armen im dampfenden Küchenraum herumstanden
und ihr gelangweiltes Gähnen erst gar nicht zu verbergen suchten.
Argwöhnisch betrachteten sie mich, während ich schwer
schnaufend vor ihnen stand. Als ich einem der Küchenbullen
die Kaffeekanne reichte, fragte dieser barsch: ,,Was ist denn mit
dir los, Seemann? Glaubst du vielleicht, du kriegst ein Extrahühnchen
gebraten? Deine Kumpels werden sich ganz schön freuen, wenn
sie kalten Kaffee bekommen.“
Wahrscheinlich war ich der letzte Nachzögling, denn man fertigte
mich mit dem Rest an Kaffee ab; das war eine halbe Kanne und reichlich
Bodensatz. Eilig verließ ich die Kombüse, während
mir das höhnische Gelächter der Küchenbullen hinterher
dröhnte. Einer schrie mir sogar nach, wenn mir das Gesöff
zu wenig wäre, solle ich doch einfach in die Kanne pinkeln,
bis sie voll wäre.
Da wäre ich bestimmt nicht der erste, der das täte. Doch
zu solchen Schweinereien war mir wirklich nicht zumute. Statt dessen
beeilte ich mich, die halbe Kanne Kaffee so schnell wie möglich
zu meinen Kameraden zu bringen. Erschöpft kehrte ich zur Stube
zurück, wo die Kameraden schon ungeduldig auf mich warteten.
Vorwurfsvoll richteten sie ihre Blicke auf mich. Nachdem ich ihnen
mein Missgeschick geschildert hatte, zeigten sie jedoch Verständnis
und begnügten sich mit dem Wenigen.
Buchstäblich
in letzter Minute, es war genau sieben Uhr früh, erschienen
wir zum Morgenappell auf dem Kasernenhof. Nachdem wir in Gruppen
eingeteilt waren und alle Anweisungen für diesen Tag erhalten
hatten, marschierten wir Rekruten sofort zur Bekleidungskammer,
in der eine drückende Schwüle herrschte. Auf dem langgezogenen
Gang des Dachbodens nahm uns Frischlinge ein älterer, erfahrener
Stabsfeldwebel in Empfang. Er war seit meiner Ankunft in dieser
Kaserne der erste Vorgesetzte, der eine gewisse Menschenfreundlichkeit
an den Tag legte. Trotz ständigen Wirrwarrs während der
Anproben brüllte er uns nicht nieder und erniedrigte auch niemanden.
Im Gegenteil: Er gab uns Rekruten genügend Zeit zum Anprobieren
der Uniformen, animierte sogar dazu, ausgiebig vor den großen
Spiegeln zu posieren. Ein Schneidermeister in Zivil half dem Stabsfeldwebel,
indem er bei jedem Rekruten Maß nahm, um die schmucken Uniformen
optimal anzupassen.
Während der Anprobe entdeckte ich auch den Wastl. Obwohl wir
uns noch nicht lange kannten, hatte sich bereits eine starke Bindung,
ja Vertrautheit zwischen uns entwickelt. Da noch genügend Zeit
war zu plaudern, schlenderten wir gemächlich den Flur des Dachbodens
entlang, um unsere ersten Erfahrungen als Rekruten auszutauschen.
Dabei kamen wir an einem offenen Raum vorbei, in dem die Unteroffiziersuniformen
hingen. Ich bewunderte die glitzernden Goldtresen an den Uniformaufschlägen
und die leuchtenden Goldanker auf dem oberen Kolaneärmel. In
diesem Moment hatte ich eine Idee. Grinsend flüsterte ich dem
Wastl zu: ,,Ich probiere jetzt mal so eine Maatuniform. Bin gespannt,
wie ich damit aussehe.“
In
Windeseile hatte ich mich angekleidet und betrachtete mich nun stolz
im mannshohen Spiegel. Auch der Wastl war begeistert und meinte
lachend, ich müsse ihn jetzt aber mal ordentlich zusammenstauchen,
was ich denn auch voller Begeisterung tat. Ich wurde indes immer
draufgängerischer, bis ich jäh zusammenschreckte. Von
der gegenüberliegenden Seite des Ganges her näherte sich
eine Gruppe Matrosen mit ihrem Unteroffiziersanwärter. Schnellen
Schrittes kamen sie marschiert. Ich spürte einen Stich im Herz.
Womöglich war ich der erste Neuankömmling, der vor versammelter
Mannschaft an den Pranger gestellt würde. Sämtliche Vorgesetzte
würden mich beschimpfen und mich von nun an täglich schikanieren.
Mit Sicherheit erwartete mich auch ein Disziplinarverfahren. Das
alles schoss mir in diesem Augenblick durch den Kopf. Ausziehen
konnte ich die Uniform nicht mehr. Dafür war es jetzt zu spät.
Ich konnte nur versuchen, meine Rolle zu Ende zu spielen, hoffentlich
mit gutem Ende. Der Wastl hatte bereits Achtungshaltung eingenommen,
worauf ich ihn in typischem Vorgesetzten Ton befehligte. In diesem
Moment schritten die Marinesoldaten an mir vorbei, zackig grüßend.
Ich erwiderte ihren Gruß, so gut es mir möglich war.
Als die Gruppe vorüber war, fiel eine Zentnerlast von mir.
Blitzschnell, als hätte ich Brennnessel unter der Uniform,
riss ich sie mir vom Leib und schlüpfte wieder in meine Kluft.
Auch der Wastl machte einen tiefen Seufzer und meinte sichtlich
erleichtert: ,,Soviel Glück gibt’s nur einmal!“
Unauffällig mischten wir uns wieder unter die Rekruten, die
vor der Kleiderkammer warteten. Es dauerte fast bis Mittag, bis
jeder Rekrut vollständig eingekleidet war und sämtliche
Sachen in seinem Seesack verstaut hatte. Es war wirklich eine Menge
Zeug, mit dem man uns eingedeckt hatte: Je zwei graue und blaue
Uniformen, drei Garnituren weißes Takelzeug, dazu entsprechende
Unterwäsche und Socken; Stiefel, Turnschuhe und Schuhputzzeug
stopften wir noch oben in den Seesack hinein.
Der
ganze Tag bestand aus Rennen und Hasten. Selbst nach dem Abendessen
hatte das Gehetze kein Ende. Alle Bekleidungsstücke und sonstigen
Dinge des Soldatenlebens mussten noch sorgfältig im Spind verstaut
werden. Darauf legten die Korporäle größten Wert.
Als das erledigt war, ging es an die Reinigung unserer ,,Braut“,
so wurde das Gewehr vom Typ K 98 in der ganzen Kaserne genannt.
Es wurde es spät abends, als wir endlich in die Betten durften.
Nach dreitägiger Übergangszeit begann der Kaderbetrieb
mit voller Härte. Ich hatte schon nach dieser kurzen Zeit die
Schnauze gründlich voll vom Soldatenleben. Am liebsten wäre
ich bei Nacht und Nebel abgehauen. Eher wollte ich im Stall bei
meinen Ziegen nächtigen, als mich länger von diesen dummen
Brüllochsen beschimpfen und drillen zu lassen.
Doch dieser Fluchtgedanke blieb Utopie. Zu allem Unglück wurde
ich, zusammen mit den anderen 13 Rekruten der Stube 20, dem in der
ganzen Kaserne berüchtigten Korporal Wüst zugeteilt. Sein
Name und sein Aussehen hätten nicht besser in Einklang stehen
können. Wüst´s Gesicht glich dem eines schwer vermöbelten
Boxers, doch sein Auftreten war noch weitaus schlimmer. Er war fanatisch-brutal,
ohne jegliches Gefühl. Auch unser Zugführer, Feldwebel
Bode, war nicht recht viel besser. Sein kaltes, arrogantes, knallhart
militärisches Auftreten machte ihn alles andere als beliebt.
Sicher, ich hatte kein Zuckerschlecken erwartet, als ich mich freiwillig
zur Kriegsmarine meldete, doch nicht einmal in meinen schlimmsten
Träumen hatte ich damit gerechnet, derart widerwärtig
behandelt zu werden.
Mit
dem Aufwachen begann die Hetze: 5 Uhr 30: Wecken, Waschen, Frühstücken,
Bettenmachen, Stiefel- und Koppelzeug auf Hochglanz bringen, Spind
tadellos aufräumen, in einwandfreier Uniform bereithalten zum
Morgenappell um 7 Uhr. Zwei Stubenbewohner hatten zudem noch die
Aufgabe, die Stube peinlich genau sauber zu halten. Auf dem kahlen
Korridor unserer Unterkunft herrschte jeden Morgen ein wildes Durcheinander,
wenn wir im Laufschritt zum Appell eilten. Trotzdem war das unseren
Vorgesetzten immer noch zu langsam. Wenn sie losbrüllten, war
es, als gefriere mir das Blut in den Adern: ,,Was ist denn los,
Sie müder Braten? Ich hüpfe Ihnen aufs Genick und sauge
Ihnen Ihr vergammeltes Blut heraus!“ Andere Sprüche waren
nicht weniger übel: ,,Ewig schade, Schiller musste sterben
und so ein Heini lebt noch!“ Oder sie benahmen sich wie wildgewordene
Stiere und brüllten: ,,Pumpen Sie jetzt 100 Liegestützen
bis zur Vergasung. Solche stinkfaulen Objekte gehören ordentlich
aufpoliert!“
Mit Abscheu und Ekel beobachtete ich das niederträchtige Grinsen,
das unsere Ausbilder dabei an den Tag legten.
Nach
der Frühmusterung war gewöhnlich sofort Infanteriedienst.
So sehr ich mich auch bemühte, alles richtig zu machen, es
half doch nichts. Der Korporal fand immer ein Haar in der Suppe.
Einmal hielt ich das Gewehr nicht richtig, dann waren die Hände
nicht eng genug an die Hosennaht gelegt, ein anderes Mal klappten
die Kehrtwendungen beim Marschieren nicht vorschriftsmäßig
oder ich warf mich angeblich beim Üben eines Sturmangriffes
zu vorsichtig auf den Boden. Während des Exerzierens absolvierten
wir die meiste Zeit Kniebeugen mit dem Gewehr in Vorhaltestellung.
Dann wieder robbten wir Hunderte von Metern auf Knien und Ellbogen,
bis diese wund gescheuert waren und das Blut in den Sand tropfte.
Nicht ganz so quälend war das schnelle Laufen um den Kasernenplatz
mit dem Gewehr in Seithaltestellung. Obwohl die Julisonne unerbittlich
vom Himmel brannte, kannten unsere Ausbilder auch hier kein Erbarmen.
Brüllend trieben sie uns immer wieder vorwärts: ,,Im Arsch
muss der Schweiß kochen, Sie lahme Ente!“ Oder sie schrieen:
,,Laufen Sie solange, bis Sie zusammenkippen!“
So
grausam hatte ich mir das Soldatenleben wahrlich nicht vorgestellt.
Oft grübelte ich nachts noch lange, ob solche Drillmethoden
wahnsinnigen Hirnen entsprangen. Oder wollte man uns gemeine Soldaten
mit aller Gewalt zu willenlosen Sklaven machen? Nun erste merkte
ich, wie recht mein Vater gehabt hatte, als er mich vor dem Soldatentum
warnte. Dabei kullerten mir die Tränen über die Wangen.
Am
erträglichsten fand ich noch die Lehrstunden über die
Handhabung von Gewehr, Handgranaten und sonstigem technischen Gerät.
Dennoch stieg mir auch hier Gift und Galle hoch, wenn Unteroffizier
Wüst lautstark den Unterrichtsraum betrat. Dabei schlug er
mit seinem Korporalstock unentwegt auf den Boden. Zum Glück
war es strengstens untersagt, Soldaten zu schlagen. Zynisch erklärte
uns der Unteroffizier, weshalb Vorgesetzte diesen Stock trügen.
Ursprünglich hatten deutsche Vorbildern wie Scharnhorst, Gneisenau,
Blücher, Klausewitz oder auch die preußischen Könige
Friedrich I. und II diesen Stock benutzt. Letztere hätten den
Stock sogar in ihrem Banner geführt. Seitdem stehe er für
Zucht, Ordnung, Gehorsam und Einsatz bis zum Tod. Mit ausgiebigen
Schlägen hätten sich diese Vorbilder Respekt und Ansehen
vor dem Volk verschafft. Strahlend erklärte der ,,Stockträger“
Wüst: ,,Gleichsam stellvertretend für jene ehrwürdigen
Männer benützen wir Ausbilder diese Stöcke, damit
sie für immer unvergessen bleiben mögen mit ihrer ruhmreichen
Vergangenheit.“
Ärger
handelte ich mir immer wieder wegen meiner Sprache ein. Wir Bayern
waren dem Hohn und Spott der Nordlichter in ganz besonderer Weise
ausgesetzt. Tag für Tag dröhnte es in meinen Ohren: ,,Sie
Hirsch! Haben Sie einen Knödel im Rachen? Es ist eine Schande,
wie Sie die deutsche Sprache verunstalten! Mann, Sie hängen
mir zum Hals heraus!“
Mir
hingen diese Sprücheklopfer schon lange zum Hals heraus. Wie
ich erfahren hatte, handelte es sich bei den meisten unserer Scharfmacher
um ehemalige Bauernknechte und berufliche Versager, die im Zivilleben
oft die niedrigsten Arbeiten verrichtet hatten. Hier in der Kaserne
führten sie sich auf wie Herrenmenschen, dabei waren sie noch
immer strohdumm. Die meisten Vorgesetzten hier glaubten, in Bayern
gebe es nur Berge und Almen, Gämsen und Kühe, mitunter
noch Ziegen. Hoch oben auf den Almhütten würde von molligen
Sennerinnen von früh bis spät Käse gemacht und gejodelt.
Die Männer würden alle in Lederhosen herumlaufen, Hüte
mit Gamsbart tragen und immerzu Schuhplatteln. Ja, und an den bayerischen
Grenzen trieben sich vorwiegend Wilderer und Schmuggler herum. Soviel
Dummheit konnte einen fast erschlagen; lachen konnte ich jedenfalls
schon längst nicht mehr drüber. |
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